art.wikisort.org - Künstler

Search / Calendar

Valère Novarina (* 4. Mai 1942 in Chêne-Bougeries) ist ein französisch-schweizerischer Schriftsteller, Essayist, Theaterregisseur und Maler.


Leben


Valère Novarina wurde 1942 als Sohn des französischen Architekten Maurice Novarina (1907–2002) und der schweizerischen Schauspielerin Manon Trolliet in Chêne-Bougeries bei Genf geboren. Er verlebte seine Kindheit und Jugend in Thonon-les-Bains am Genfersee im französischen Département Haute-Savoie. In Paris studierte er Philosophie und Philologie an der Sorbonne und verfasste eine Diplomarbeit über Antonin Artaud.[1]

1974 wurde sein erstes Theaterstück L’Atelier volant (deutsch Die fliegende Werkstatt) in einer Inszenierung von Jean-Pierre Sarrazac uraufgeführt.[2]

Zunächst abgelehnt von mehreren großen Verlagen, erschien Le Babil des classes dangereuses (roman théâtral) 1978 bei Christian Bourgois in der Collection TXT, Herausgeber war der Lyriker Christian Prigent.[3]

1980 begann Novarina als gestische Fortführung des Schreibens öffentlich zu zeichnen und in der Folge auszustellen.[4]

Zwei Ereignisse markierten den eigentlichen Beginn seines Aufstiegs im Theater: 1986 wurde der Monolog Le Discours aux animaux (deutsch: Die Rede an die Tiere) in Paris am Théâtre des Bouffes du Nord im Rahmen des Festival d’Automne durch den Schauspieler André Marcon uraufgeführt, auf France Culture gesendet und 1987 zum Festival von Avignon eingeladen. 1986 inszenierte Valère Novarina erstmals selbst beim Festival von Avignon die Uraufführung seines Stücks Le Drame de la vie in einer von ihm gemalten Dekoration. Weitere folgten: Vous qui habitez le temps (1989), Je suis (1991), La Chair de l’homme (1995), Le Jardin de reconnaissance (1997), L’Origine rouge (2000), La Scène (2003), L’Acte inconnu (2007), Le Vrai sang (2011) und Le Vivier des noms (2015).[5]

Seine Aufführungen laufen seit Mitte der 1990er Jahre in großen Pariser Theatern bis zu sechs Wochen en suite (Théâtre national de la Colline, Odéon – Théâtre de l’Europe, Théâtre des Bouffes du Nord, Théâtre du Rond-Point, Théâtre de l’Athénée), sowie auf Tourneen in ganz Frankreich und der Schweiz (Théâtre national de Strasbourg, Théâtre National Populaire (TNP) in Villeurbanne, Théâtre national de Marseille la Criée, Théâtre Vidy-Lausanne, Comédie de Genève) und erreichen Aufführungszahlen von bis zu hundert Vorstellungen. 2006 wurde er zu Lebzeiten ins offizielle Repertoire der Pariser Comédie-Française aufgenommen und inszenierte dort L’Espace furieux (eine Bearbeitung von Je suis). 2007 eröffnete er mit L’Acte inconnu das Festival von Avignon auf der vierzig Meter breiten Bühne des Ehrenhofs im Papstpalast. 2010/11 war er Hausautor am Pariser Odéon – Théâtre de l’Europe.[6][7][8]

Im Kino wurden Texte von ihm in drei Filmen verwendet: Zanzibar von Christine Pascal (1989), Soigne ta droite (1987) und Nouvelle vague (1990) von Jean-Luc Godard.[9][10]

Für das Atelier de Création Radiophonique des Senders France Culture realisierte er Le Théâtre des oreilles (1980) und Les Cymbales de l’homme en bois du limonaire retentissent (1994).[11]

Sein Werk erscheint seit 1984 im Pariser Verlag P.O.L., wobei dramatische und essayistische Texte im Wechsel entstehen. Texte von Novarina wurden in 20 Sprachen veröffentlicht, nämlich neben Französisch auch auf Englisch, Italienisch, Katalanisch, Spanisch, Portugiesisch, Deutsch, Russisch, Slowakisch, Slowenisch, Bulgarisch, Griechisch, Hebräisch, Ungarisch, Rumänisch, Tschechisch, Türkisch, Arabisch, Japanisch und Chinesisch.[12][13]

Seit 1998 erscheinen deutsche Übersetzungen zunächst im Alexander Verlag Berlin, dann bei Matthes & Seitz Berlin, sowie in Sammelbänden im Verlag der Autoren und Theater der Zeit.[14][15][16][17]

Zwei umfangreiche deutschsprachige Studien widmeten sich aus wissenschaftlicher Sicht dem Schaffen des Autors.[18][19]

Valère Novarina lebt und arbeitet im 16. Arrondissement in Paris sowie in einer Hütte in den Bergen der Haute-Savoie. Er ist mit der Schauspielerin Roséliane Goldstein verheiratet. Das Ehepaar hat zwei Söhne: Virgile (* 1976) und David (* 1978).


Werk


Im Umfeld der von Philippe Sollers von 1960 bis 1982 herausgegebenen Zeitschrift Tel Quel, die als zentrale Plattform des poststrukturalistischen Denkens galt, sowie der seit 1968 von Christian Prigent herausgegebenen Zeitschrift TXT, in der seine ersten Texte ab 1975 eine Öffentlichkeit fanden, entwickelte Valère Novarina seine vielgestaltige Arbeitsweise, in der er entsprechend dem in der modernen Linguistik erfolgten Paradigmenwechsel Sprache nicht mehr lediglich als bloßes Kommunikationswerkzeug, sondern als eigenständig wirkendes Gebilde behandelt.[19] Wenn für Novarina die Sprache unser eigentlicher „Boden“[20] ist, so sieht er die Linguistik als Geologie der Sprache. Ähnlich wie auch Roland Barthes es 1977 in Leçon forderte, begann Novarina, Sprache als Bedeutungszusammenhang mit ihren eigenen Mitteln zu bekämpfen. Damit schwamm er als Autor im Theaterbetrieb gegen den Strom, in dem seit Mai 1968 eher ein zunehmender Realismus gefragt war.[19] Als „technique du corps“[21] (Körpertechnik gegen die Sprache)[19] betrieb er sein Schreiben nicht mehr als ergebnisorientierte Textproduktion, sondern als Laborversuch mit offenem Ausgang.[19] Entsprechend benannte der Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann ihn als Beispiel für die Absage an darstellende Repräsentation im postdramatischen Theater.[22] Die Tatsache, dass bei Novarina der Schreibvorgang als solcher bereits die Intensität eines performativen Akts annimmt, erlaubt es, ihn mit dem theaterwissenschaftlichen Performativitätsdiskurs in Verbindung zu bringen, wie er um 2000 von Erika Fischer-Lichte formuliert wurde.[23] Über den literarischen Text hinausgehend wird für Novarina Theater erst erlebbar durch das Zusammenspiel der Körperlichkeit der Schauspieler mit den Blicken der Zuschauer.[20] So ist auch die Körperlichkeit des Sprechens im Raum das Zentrum seiner essayistischen Reflexionen, die im steten Wechsel mit den eigentlichen Theatersprachkunstwerken erscheinen.

Im deutschen Sprachraum wurde Novarina zunächst durch die Berichterstattung des SZ-Theaterkritikers Curt Bernd Sucher bekannt, der ihn als „Triebdichter“[24] bezeichnete. Als Autor war er ab 1998 durch die Übersetzung seiner Manifeste Brief an die Schauspieler und Für Louis de Funès durch Leopold von Verschuer zu entdecken, zu deren Erstausgabe Sucher das Nachwort schrieb.


Stil


Der anarchische Boden der Sprache ist Gegenstand des Schreibens von Valère Novarina. In vielstimmigen (polyphonen), labyrinthischen Dialogen und Monologen mobilisiert er die Vitalität von Sprache jenseits bloßer Sinnproduktion und fordert zu einem körperlichen Hören in anderen Tiefenschichten sprachlicher Wahrnehmung heraus.[20] Sprechen ist für Novarina ebenso Verkörperung wie Transzendierung von Wirklichkeit:[20] ein ontologisches, welthaltiges Worttheater mit bis zu dreitausend Figuren und seitenlangen Aufzählungen. Die Schwierigkeiten der Übertragung[25] liegen bei diesem Autor in seiner exzessiven Sprachlichkeit, seine Texte sind gespickt mit Worterfindungen (Neologismen), abgewandelter Grammatik, einem ständigen Wechsel der Sprachebenen, umgangssprachlichen oder berufsspezifischen Wendungen, dialektalen Formen, Aufzählungen von Eigennamen, Wechselwirkungen zwischen Wortklang und Semantik, anverwandelten Zitaten quer durch das abend- und morgenländische Denken.[18] Darin ist seine Arbeitsweise vergleichbar mit dem Verfahren des „Stream of consciousness“ (deutsch Bewusstseinsstrom) bei James Joyce,[26][27] aber auch inspiriert durch die Schreibversuche von Autoren der Art brut wie Adolf Wölfli.[28][29] Neben dem Renaissance-Dichter François Rabelais, dem er Lesungen und Reflexionen gewidmet hat,[21] werden auch Alfred Jarry und Antonin Artaud als seine Vorläufer gesehen.[30]


Veröffentlichungen



Im Verlag P.O.L



In anderen Verlagen (Auswahl)



In deutscher Übersetzung



Inszenierungen durch den Autor



Inszenierungen in deutscher Sprache (Theater und Hörfunk)



Ausstellungen (Auswahl)



Literatur



In deutscher Sprache



Monographien


Beiträge


In französischer Sprache


Die zahlreichen Veröffentlichungen sind gelistet auf der Website des Autors: Ouvrages critiques.


Auszeichnungen





Einzelnachweise


  1. Valère Novarina, Alain Virmaux: Antonin Artaud: théoricien du théâtre. Institut d’études théâtrales. Paris 1964.
  2. Biographie bei novarina.com, abgerufen am 19. Januar 2017
  3. Christian Prigent: Ne me faites pas dire ce que je n’écris pas (Christian Prigent im Gespräch mit dem Psychoanalytiker Hervé Castanet). Cadex éditions. Paris 2004. S. 117f.
  4. Expositions bei novarina.com, abgerufen am 19. Januar 2017
  5. Mises en scène de Valère Novarina bei novarina.com, abgerufen am 19. Januar 2017
  6. Entrée au répertoire de Valère Novarina à la Comédie-Française bei fresques.ina.fr, abgerufen am 19. Januar 2017
  7. L’Acte inconnu bei festival-avignon.com, abgerufen am 19. Januar 2017
  8. Le Vrai sang (Memento des Originals vom 21. Januar 2017 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.theatre-odeon.eu bei theatre-odeon.eu, abgerufen am 19. Januar 2017
  9. POUR LOUIS DE FUNÈS bei novarina.com, abgerufen am 19. Januar 2017
  10. VOUS QUI HABITEZ LE TEMPS bei novarina.com, abgerufen am 19. Januar 2017
  11. Créations sonores bei novarina.com, abgerufen am 19. Januar 2017
  12. Biographie bei pol-editeur.com, abgerufen am 19. Januar 2017
  13. Traductions bei novarina.com, abgerufen am 19. Januar 2017
  14. Valère Novarina bei matthes-seitz-berlin.de, abgerufen am 19. Januar 2017
  15. Valère Novarina bei alexander-verlag.com, abgerufen am 19. Januar 2017
  16. Scène 6 bei verlagderautoren.de, abgerufen am 19. Januar 2017
  17. Valère Novarina bei theaterderzeit.de, abgerufen am 19. Januar 2017
  18. Constanze Fröhlich: Poetik der Fülle. Winter. Heidelberg 2014. (b S. 81ff., S. 101ff.)
  19. Kerstin Beyerlein: Das postdramatische Literaturtheater von Valère Novarina. Königshausen & Neumann. Würzburg 2015. (b S. 96ff., 129ff.; c S. 99; d S. 103, 105; e S. 110)
  20. Valère Novarina: Lichter des Körpers. Matthes & Seitz. Berlin 2011. (a S. 20; b S. 29ff.; c S. 91ff.; d S. 119).
  21. Valère Novarina: Le Théâtre des paroles. P.O.L. Paris 1989. (a S. 46; b S. 153)
  22. Hans-Thies Lehmann: Postdramatisches Theater. Frankfurt am Main. 2005. S. 367.
  23. Erika Fischer-Lichte: Ästhetik des Performativen. Frankfurt am Main. 2005.
  24. Bernd Sucher (Memento des Originals vom 19. Januar 2017 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.mydict.com bei mydict.com, abgerufen am 19. Januar 2017
  25. Leopold von Verschuer: Freier Fall und Tanz in der Sprache – Novarina übersetzen. dramaheft [di: rampe] Nr. 8, herausgegeben von Theater Rampe. Stuttgart 2002.
  26. Marie-Hélène Boblet: L’Animalitude en Scène: Le Théâtre des Paroles de Valère Novarina. Contemporary French and Francophone Studies. 2012.
  27. Siehe auch: Interview mit Valère Novarina durch Thierry Guichard in Le Matricule des Anges, Zeitschrift für zeitgenössische Literatur, Internetausgabe www.lmda.net, abgerufen am 20. Januar 2017
  28. Allen S. Weiss: Shattered Forms: Art Brut, Phantasms, Modernism. State University of New York Press. 1992. Kap. 8, Anm. S. 143.
  29. Louis Dieuzayde: Le théâtre de Valère Novarina: une scène de délivrance. Publications de l’université de Provence. Aix-en-Provence 2004. S. 76.
  30. Eintrag: Valère Novarina. In: Dictionnaire de la Littérature française du XXe siècle. Encyclopaedia Universalis France. Boulogne-Billancourt. 2015.
Personendaten
NAME Novarina, Valère
KURZBESCHREIBUNG französisch-schweizerischer Schriftsteller, Essayist, Theaterregisseur und Maler
GEBURTSDATUM 4. Mai 1942
GEBURTSORT Chêne-Bougeries

На других языках


- [de] Valère Novarina

[fr] Valère Novarina

Valère Novarina est un auteur de théâtre, essayiste, metteur en scène et peintre franco-suisse, né le 4 mai 1942[alpha 1] à Chêne-Bougeries, dans la banlieue de Genève.



Текст в блоке "Читать" взят с сайта "Википедия" и доступен по лицензии Creative Commons Attribution-ShareAlike; в отдельных случаях могут действовать дополнительные условия.

Другой контент может иметь иную лицензию. Перед использованием материалов сайта WikiSort.org внимательно изучите правила лицензирования конкретных элементов наполнения сайта.

2019-2024
WikiSort.org - проект по пересортировке и дополнению контента Википедии